Erste Annäherungen

Friedrichstadt kommt ins Spiel

Leerstände, Strukturschwäche, Abwanderung, Tourismus mit seinen Pfadabhängigkeiten und saisonalen Schwankungen, demographischer und gesellschaftlicher Wandel, verändertes Konsumverhalten – es sind kritische Themen, die Klein- und Mittelstädte beschäftigen. Auf Bitte der Stadt Friedrichstadt organisiert die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Nordfriesland einen Workshop zu diesen Themen und beauftragt Mike Schäfer als Kurator für ein Projektlabor. Zwischen Januar und Juli 2015 wird in Friedrichstadt eine Bestandsanalyse durchgeführt. Diese ist die Grundlage für das, durch die Wirtschaftsförderungsgesellschaft geförderte, Stadtentwicklungskonzept. Die im Oktober stattfindenden Design-Thinking Workshops führen zu kontroversen Problematisierungen: Wie so häufig in schwierigen Lagen und unter hohem Druck kommt es zu diversen Konflikten und einem Eklat, in dessen Folge die weitere Verfahrensweise mithilfe externer Moderation weitergeführt wird. Die Stadtverordneten und deren Ausschüssen bearbeiten von nun an die einzelnen Themen. Januar 2016 tagen die Ausschüsse und bilden Arbeitskreise, die mit Ausschussmitgliedern und Bürger*innen besetzt werden. Zwischen Februar und April finden zwei Tagungen statt, in denen die Ideen aus dem ehemaligen Projektlabor konkretisiert und von Tillmann Meyer (Wirtschaftsförderungsgesellschaft Schleswig-Holstein) und ab März 2016 auch von Annika Müller (Stadtmanagerin) unterstützt werden. Letztere wird die Entwicklung und Begleitung des Stadtentwicklungsprojekts übernehmen; die Wirtschaftsförderungsgesellschaft zieht sich als Initiatorin nach der Verankerung des Projekts in der Stadt zurück. Im Februar 2016 beteiligen sich im Rahmen einer Projektwoche über 100 Schüler*innen der ortsansässigen Schulen an einer Ideenwerkstatt und integrieren ihre Vorschläge in ein vorab durch eine Architektin konstruiertes Stadtmodell auf 4x7 Meter. Aus diesem Workshop entstand zum Beispiel das Projekt „Garten der Begegnung“, welches in einen der Ausschüsse der Stadtverordneten einfloss. Indessen hatte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ein Projekt namens Zukunftsstadt ins Leben gerufen, für das Städte und Gemeinden Anträge einreichen können. Im April 2016 wird in Friedrichstadt ein erstes Vorbereitungstreffen für die Antragstellung veranstaltet. Über den ehemaligen Kurator Mike Schäfer wird der Kontakt zwischen Friedrichstadt und dem Lehr- und Forschungsprogramm Urban Design (UD) an der HafenCity Universität Hamburg hergestellt, das für die wissenschaftliche Begleitung des Antrags gewonnen wird. Im September 2017 übernimmt die neue Stadtmanagerin Kerstin Lamp die Projektbetreuung von Seiten der Stadt.

Urban Design kommt ins Spiel

In Phase I des Wettbewerbs Zukunftsstadt wurde das Lehr- und Forschungsprogramm Urban Design an der HafenCity Universität Hamburg über den Hamburger Künstler Mike Schäfer als möglicher Forschungspartner angesprochen. Entgegen der ursprünglichen Vorstellung wird keine traditionelle Begleitforschung des Prozesses entwickelt. Vielmehr wird versucht, eine Grundlage für die weiteren Entwicklungsprozesse zu schaffen und den Bestand in seiner Gewordenheit zugänglich zu machen. Im Rahmen eines kompakten Lehrformates zur Videographie in der Stadtforschung veranstaltet Urban Design im Mai 2016 eine einwöchige Summer School mit Studierenden aus unterschiedlichen Studiengängen der HafenCity Universität zur Methode Videographie in der Stadtforschung: ‚Friedrichstadt: was machst du?‘ In Kurzfilmen erarbeiten die Studierenden eine Bandbreite von Themen, die zum Abschluss der Arbeitswoche gemeinsam mit Bewohner*innen in Friedrichstadt diskutiert werden. Diese dienen gleichzeitig der Bestandsaufnahme und der Dokumentation. Die Arbeiten des interdisziplinären Lehr und Forschungsprogramms Urban Design und seiner Studierenden setzen an der Alltagspraxis und dem Gebrauch des gelebten Raums an, wie es der Titel der School suggeriert. Aus der Bandbreite der erarbeiteten Themen kristallisiert sich ein Schwerpunkt heraus, der im Rahmen einer Autumn School im Oktober 2017 die Frage stellt: ‚Friedrichstadt: wie wohnst du?‘. Ging es in der ersten School noch um die gesamtstädtische Ebene, fiel insbesondere auf, dass die Stadt im Wesentlichen aus zwei Typologien besteht. Dies ist zum einen die städtische Blockstruktur der Kernstadt mit ihrer vierhundertjährigen Geschichte und der immerwährenden Anpassung ihrer baulichen Struktur und zum anderen ihre Erweiterung um die Einfamilienhausgebiete seit den 1960er Jahren. Beide Typologien werfen auf den ersten Blick vergleichbare Fragestellungen hinsichtlich Überalterung, Mindernutzung und Sanierungsstau auf und wecken das Interesse mehr über den derzeitigen Gebrauch und die möglichen Entwicklungspotentiale zu erfahren. Dem Interesse an der Holländerstadt, ihrer baulichen Struktur und Wandlungsfähigkeit folgt die zweite Summer School, welche die Untersuchung einzelner Gebäude und Häuser fokussiert. Vor dem Hintergrund aktueller Debatten um die Zukunft städtischen Wohnens erscheint uns die vorgefundene hybride Typologie der Blockrandstruktur ein idealer Forschungsgegenstand, den wir über unterschiedliche Weisen des Gebrauchs genauer untersuchen wollen. In diesem Sinne verknüpft das Lehr- und Forschungsprogramm Urban Design die Arbeit in Friedrichstadt mit einem weiteren Projekt, der Entwicklung eines Online Lehrmoduls ‚Hamburg Open Online University‘, das sich thematisch dem städtischen Wohnen und Arbeiten widmet. Im März 2018 wird eine dritte Spring School veranstaltet, die sich auf dem nächstkleineren Maßstab mit der Wohnung und dem Zimmer auseinandersetzt: „Friedrichstadt: wie beherbergst du?“. Anhand der vorangegangenen Untersuchungen ist uns die strikte Trennung der Friedrichstädter*innen und den Tourist*innen aufgefallen, deren langfristige und temporäre Wohnpraktiken sich allerdings räumlich stark überlagern. Einem erweiterten Wohnverständnis zufolge, das von vergleichbaren Bedürfnisstrukturen bei unterschiedlichen Zeitlichkeiten und Orten ausgeht, lässt sich eine Trennung zwischen Bewohner*innen und Besucher*innen substantiell nicht aufrechterhalten. In Friedrichstadt trägt die alltägliche Durchmischung von Bewohner*innen und Touristen maßgeblich zum Eindruck eines städtischen Lebensgefühls bei, das von beiden Gruppen geschätzt wird und die gegebene dörfliche Größendimension überschreitet. In der Untersuchung der dritten Spring School ging es deshalb um das Verhältnis des privaten Rückzugraumes und der gemeinschaftlichen (Wohn-)Nutzungen im privaten wie auch im öffentlichen Raum.