Friedrichstadt – Was machst du?

  • Die historische Altstadt Friedrichstadts vom Wasser aus. Filmausschnitt: Pohl, B. 2016. Friedrichstadt - was machst du? https://vimeo.com/169831819 zuletzt aufgerufen am 13.08.2018

  • Reihenhaussiedlung in Friedrichstadt.
    Filmausschnitt: Pohl, B. 2016. Friedrichstadt - was machst du? https://vimeo.com/169831819 zuletzt aufgerufen am 13.08.2018

  • Friedrichstadt von oben.
    © GeoBasis-DE/LVermGeo SH; Friedrichstadt Zukunftsstadt – eine Zusammenarbeit mit dem Lehr- und Forschungsprogramm Urban Design Hafencity Universität Hamburg im Rahmen des Wettbewerbs Zukunftsstadt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF); Original berabeitet durch das Lehr- und Forschungsprogramm Urban Design.

Stadt Friedrichstadt

Friedrichstadt mit seinen 2.500 Einwohner*innen kann aufgrund seiner baulichen Struktur und seines hohen Tourismusaufkommens durchaus als Kleinstadt gelten. Wenngleich der Mythos der als Hafen- und Weltstadt geplanten „Holländerstadt“ in Nordfriesland als gebaute Utopie des 17. Jahrhunderts bis heute gepflegt wird, kann dennoch festgestellt werden, dass Friedrichstadt Wunschort für Bewohnerinnen und Besucherinnen geblieben ist. Wie viele Gemeinden im ländlichen Raum sieht sich die Stadt mit grundsätzlichen sozioökonomischen Herausforderungen konfrontiert, die nicht zuletzt durch die saisonale Schwankung ihrer Kurzzeitbewohner*innen verstärkt wird. Aufgrund ihrer historischen Kulisse wird die Stadt in den Sommermonaten hauptsächlich von Tagestouristen bevölkert, im Winter hingegen kommt das Gemeindeleben mehr oder weniger zum Erliegen. Die allgemeine demographische Entwicklung verstärkt sich in Friedrichstadt zusätzlich durch die anhaltende Abwanderung der vorwiegend Jungen. Attraktiv hingegen scheint der Ort auch für Zuwanderung zu sein, für jene Ruheständler, die sich nach einem Alterssitz sehnen oder vereinzelt jene Junge, die ihren Wohnort unabhängig ihres Berufes bestimmen können. Sie suchen nach einem Ort der dabei ihrem Lebensstil nicht allzu sehr entgegensteht. Die in großen Teilen gut erhaltene fast 400 Jahre alte Blockrandbebauung der historischen Kernstadt Friedrichstadts weist zusammen mit der (noch) gut erhaltenen Infrastruktur und den touristischen Nutzungen hierbei eine Struktur auf, die in der Regel eher in Städten zu finden ist. Doch auch in Friedrichstadt haben die Stadtentwicklungspolitiken der vergangenen Dekaden und staatliche Förderprogramme wie die Eigenheimzulage und die Pendlerpauschale ihre Spuren hinterlassen. Neben der historischen Kernstadt ist eine junge, etwa 60 Jahre alte, Einfamilienhausstadt entstanden. Beide Siedlungsformen weisen heute zwar, sichtbar durch Leerstände und Sanierungsbedarf, auf eine entschiedene Neuausrichtung der Planung hin, gleichzeitig nimmt Friedrichstadt insbesondere aufgrund der doch gut erhaltenen historischen Blockrandstruktur der Kernstadt eine besondere Stellung ein – war und ist sie doch immer noch Modellstadt. Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Wettbewerbs, macht die Stadt Friedrichstadt sich Gedanken zu ihrer Zukunft. Sie hat sich als „Zukunftsstadt“ beworben und sowohl in der ersten, als auch in der zweiten Runde erfolgreich in Bewegung gesetzt. Der eingereichte Antrag im Wettbewerb Zukunftsstadt und der angestoßene Prozess beinhalten dabei umfangreiche Kommunikationsschritte, um so viele Einwohner*innen wie möglich an der Entwicklung teilhaben zu lassen, innovative Ressourcen sicht- und verhandelbar zu machen und mögliche Zukünfte aktiv zu gestalten. So erfährt Friedrichstadt aktuell verstärkte Aufmerksamkeit im Kontext der Stadterneuerung.

Urban Design – HafenCity Universität Hamburg

Wenn es für uns als Lehr und Forschungsprogramm Urban Design der HafenCity Universität Hamburg um die Zukunft der Stadt geht, und in diesem Fall um die Zukunft der Stadt Friedrichstadt, liegt unser Interesse nicht allein in der Erarbeitung möglicher Gestaltungsoptionen für die Zukunft. Vielmehr möchten wir die Gegebenheiten und Verhältnisse Friedrichstadts im Hier und Jetzt begreifen. Wir möchten verstehen was dazu führte, dass wir etwas als positiv wahrnehmen oder gar als Problem bewerten. Die Stadt in ihrer Gegenwart wahrzunehmen und ihre Gewordenheit nachzeichnen zu können, liefert die Grundlagen, weitere Entwicklungen vorstellbar machen zu können. Friedrichstadt stellt sich der Frage, wie die Zukunft der 2.500 starken Einwohnerstadt gestaltet werden kann. Viele Wünsche und Vorstellungen wurden zusammengetragen und in einzelnen Projekten bearbeitet. Das Programm Zukunftsstadt bietet die Möglichkeit, sich themen- und institutionenübergreifend mit der gesamtstädtischen Entwicklung und den daran anknüpfenden überregionalen Themenfeldern auseinanderzusetzen. Denn neben dem steten Wachstum der großen Metropolen und den daraus resultierenden Herausforderungen wird in Zukunft insbesondere die Auseinandersetzung mit Klein- und Mittelstädten sowie dem ländlichen Raum in Relation zur Großstadt unabdingbar. Obwohl die These von der verkleinerten Blaupause der Großstadt umstritten ist, kann hier in Friedrichstadt eine Perspektive aufgemacht werden, die ein gegenseitiges learning from zum Motiv hat: Aufgrund ihrer städtebaulichen dichten Struktur der Blockrandbebauung und ihrer Nutzung des städtischen Alltags jenseits funktionaler Trennung bietet Friedrichstadt Möglichkeiten der räumlichen und sozialen Aneignung, die sowohl in der Kleinstadt als auch in der Großstadt zunehmend unter Druck geraten. Gleichzeitig bedarf es aber auch großstädtischen Differenzierungen und sozialen Öffnungen, um die Möglichkeit Kleinstadt neu zu verhandeln. Von daher sehen wir die Situation Kleinstadt hinsichtlich ihrer Wahrnehmung und ihres Innovationsgehalts mehr in Relation zur als in Abgrenzung von der Großstadt. Über eine lösungsorientierte Problemdefinition hinausgehend zielt unser Forschungsansatz darauf ab, die Verfahrensweise der Problematisierung selbst zu problematisieren und vor dem Hintergrund der tatsächlichen Akteurskonstellation neu verhandelbar zu machen. Wir wollen nicht der Versuchung unterliegen Ratschläge zu erteilen, wie die durchaus sichtbaren Probleme des Leerstands von Gewerbeflächen beispielsweise durch sogenannte Pop-up-stores oder temporäre Ausstellungsräume für Galerien zu lösen wären. Dies ist bereits vielfach und andernorts geschehen. Festzustellen ist, dass dies Lösungen sind, die in anderen Kontexten entwickelt wurden und dort mehr oder weniger funktionierten und funktionieren. Eine Übertragung entwickelter Strategien und Handlungsweisen in ihrer Gesamtheit ist dabei weder möglich noch erstrebenswert, da sich die Gegebenheiten in den jeweiligen Kontexten unterscheiden. Vielmehr interessieren wir uns für ein Verfahren, das die Komplexität von Bedingungen und Entwicklungen in den Mittelpunkt stellt, um die gleichsam vorhandenen Potenziale aufzuspüren, sie greifbar zu machen und im Aufzeigen dieser Handlungsoptionen daraus abzuleiten. Sich der Zukunft Friedrichstadts zu widmen, heißt unserem Verständnis nach, die Gegenwart ernst zu nehmen und die Vergangenheit als in die Gegenwart hineinwirkenden Prozess anzuerkennen. Das Bild der ‚Holländerstadt‘ auf seine strukturellen Wurzeln zu untersuchen und diese an den Anforderungen der Gegenwart abzugleichen ist die Grundlage für die Entwicklung Friedrichstadts – als Zukunftsstadt. Unser Forschungsinteresse richtet sich in diesem Rahmen auf eine häufig vernachlässigte kleinteilige und qualitative Perspektive, die sich mit den Wohnweisen und alltäglichen Formen der Aneignung der Menschen in Friedrichstadt befasst. Unser Interesse stellt die Frage nach den Wissens- und Erfahrungsschätzen über neue Verfahren und Instrumente der Stadterneuerung, geht aber einen Schritt zurück und fragt nach dem aktuellen Gebrauch und Umgang mit den vorhandenen baulichen und infrastrukturellen Beständen: Wie leben und arbeiten Menschen in Friedrichstadt in der Stadt und in ihren Häusern? Wie eignen sie sich die urbane Form über die unterschiedlichen Maßstabsebenen ausgehend von dem eigenen Zimmer bis in den Stadtraum an? Wie passen sie ihre Häuser den eigenen Bedürfnissen an? Welche zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten schreiben sie ihnen dadurch ein? Und was lässt sich aus all dem ableiten? Der Lehr- und Forschungsbereich Urban Design arbeitet dabei mit einem interdisziplinären und maßstabsübergreifenden Ansatz und nähert sich der vorhandenen Architektur in ihrem Gebrauch, die sich in ihrem Bestand der Altstadt teilweise über 400 Jahre verschiedener Nutzungszyklen, trotz und wegen unterschiedlicher Herausforderungen, bewiesen hat. Dabei problematisieren wir die Ist-Situation mittels ethnographischer, videographischer und architektonischer Methoden, um die bestehenden Akteurskonstellationen sichtbar zu machen und ihre Wirkweisen in der Stadtproduktion offen zu legen, damit verhandelbar zu machen um diese dann weiterentwickeln zu können.

„Wohnen umfasst in meinem Verständnis viele unterschiedliche (Nicht-)Aktivitäten: Ankommen, Ausruhen, Aufhalten, Rumhängen, Sitzen, Liegen, Sachen-Lagern, Sortieren, Zur-Ruhe-Kommen, Zusammenkommen, Raum-Haben, Geschützt-Sein, Sich-Ausbreiten. Mein Versuch einer Defnition würde lauten: Man wohnt an einem Ort oder in einem Raum, wenn man immer wieder zu ihm zurückkehrt und sich in ihm einrichtet.“ 1

  1. Fehrs, K./UD. Autumn School 2017. Friedrichstadt: Wie wohnst du?