Grundlagen erarbeiten

Die drei Schools

Zukunft ist ungewiss, und Planungen müssen damit leben, dass sich die Kräfte und Bedingungen beständig ändern. Mit Zukunft umzugehen heißt also, mit dem Ungewissen und Unplanbaren umgehen zu lernen, und stets die besten Optionen zu kennen, um sie verfolgen zu können. Wie aber kann das gelingen, ohne dass Planung nur dem unmittelbar Notwendigen folgt, und damit die Zukunft vergessend, nicht viel weiterführt als das eigene Handeln zu verwalten? Ausgehend von der Annahme, dass Stadt aus einer Vielzahl von Handlungen unterschiedlichster Akteure alltäglich hervorgebracht wird, stellen wir die Frage: Was macht Friedrichstadt (aus)? Was, wie, wann, wo und wer macht Friedrichstadt? Diesen Urban Design-Ansätzen folgend wurde zunächst überlegt, was „Zukunftsstadt“ bedeutet und wie die explorierende, ergebnisoffene Auseinandersetzung mit der städtischen Struktur zum Projekt beitragen könnte. Um möglichst viele unterschiedliche Akteure an dem Projekt teilnehmen und teilhaben lassen zu können hat das Lehr- und Forschungsprogramm Urban Design die wissenschaftliche Begleitung um das kompakte Lehrformat von drei vor Ort stattfindenden Schools erweitert und damit eine möglichst breite Öffnung für die Erarbeitung von Themen ermöglicht. Wir verstehen Teilnahme und Teilhabe dabei nicht als Produktion und Umsetzung von Wünschen in den dafür möglichen verschiedenen Formaten. Gemäß den Ansätzen der Aktionsforschung (Kromrey 1998) bei welcher statt über, mit den beteiligen Akteur*innen geforscht wird, verstehen wir Teilnahme und Teilhabe als Offenlegung der Tätigkeiten, die die Bewohner*innen Friedrichstadts in ihrem Alltag sowieso schon tun. Dem Forschungsgegenstand unseres Projektes folgend, waren wir also diejenigen, die die Bewohner*innen in ihren Häusern aufsuchten und dort um Vertrauen warben.

„My main motivation is to learn from others and also discuss my opinions of what constitutes a city and what can be done to improve it. Moreover I am interested in learning from the city itself by observing and recording what captures my attention.“1

Als Einstieg auf der Maßstabsebene Stadt/Block fungierte das Lehrformat der ersten School: „Friedrichstadt – was machst du?“ Dabei wurde die Methode Videographie in der Stadtforschung angelegt und erprobt. Die Kurzfilme sowie die Erfahrungen, Beobachtungen, Fragen und Diskussionen der Studierenden und Lehrenden mit Friedrichstädter*innen ergaben ein breites Themenspektrum und trugen maßgeblich dazu bei, unser Motiv und das Forschungsinteresse zu entwickeln und zu schärfen. Darauf aufbauend fokussierte die zweite School den forschenden Blick auf die Ebene des städtischen Blocks, seiner Häuser und deren Nutzer*innen: „Friedrichstadt – wie wohnst du?“ war die handlungsleitende Frage mit der wir uns den unterschiedlichen Formen des Wohnens und Arbeitens widmeten. Anhand von Fallstudien untersuchten wir deren Funktionsweise anhand der Praktiken seiner Bewohner*innen und Nutzer*innen. Erste Zugänge erhielten wir über bereits bestehende Kontakte. Durch das Arbeiten mit der Videokamera in der kleinen Stadt waren die Studierenden schnell bekannt, was auch dazu beitrug die bestehenden Kontakte weiter ausbauen und zu erweitern. Während des einwöchigen Kompaktseminars näherten wir uns schrittweise den Untersuchungsräumen an. Insbesondere der Übergang von der Straße in die Wohnung musste seine Bearbeitung finden, wenn man nicht mit der Tür ins Haus fallen möchte und diese dann dadurch verschlossen bleibt. Dabei wurden unterschiedliche Formen Zugang zu gewinnen erprobt. Im Fokus standen die Beschaffenheit des Schwellenraumes zwischen Straße und Gebäude, außen und innen, die Struktur und Nutzung des Gebäudes und seine Nutzer*innen. Neben dem Lehrformat vor Ort in Friedrichstadt diente die zweite School gleichzeitig als Einstieg in die nun erweiterte Forschung im Rahmen der Phase II des Wettbewerbs Zukunftsstadt. Interessiert hat uns dabei schwerpunktmäßig die Kernstadt mit ihrer Blockrandstruktur, in der wir aufgrund ihres alten Baubestandes und der vielfältigen hybriden (Um-)nutzungs- und Transformationsprozesse ein großes (verstecktes bzw. ungenutztes) Potenzial vermuteten. Dabei wurde die Videographie als Aufzeichnungs- und Sammlungsmethode, um weitere Methoden der Weiterverarbeitung des so gewonnenen Rohmaterials durch Schnitt, Transkription und Übersetzung in Text, Standbild und Zeichnung, der Literatur- und Archivrecherche, der informellen Gespräche, sowie um Interviews und Fotografie ergänzt. Die dritte School zielte schließlich auf die Ebene Haus/Zimmer ab und fokussierte mit der Frage „Friedrichstadt: Wie beherbergst du?“ auf das zeitlich limitierte Wohnen der Touristen*innen. Wir fragten dabei nach der Bedeutung, den Bedingungen und Auswirkungen des Tourismus als räumlicher, sozialer und ökonomischer Faktor. Wie organisiert sich die Beherbergung von Touristen und Bewohner*innen auf Mikro- und Makroebene in den unterschiedlichen Teilen der Stadt? Welche unterschiedlichen Beherbergungstypologien von Hotel, Jugendherberge, Campingplatz über Ferienwohnungen, Ferienhäuser, Gästezimmer, AirBnB bis hin zu Zweit- und Alterswohnsitzen lassen sich in der kleinen Stadt identifizieren? Ausgehend von einer qualitativen Bestandsaufnahme dieser Typologien und touristischen Infrastrukturen interessierten wir uns für das Verhältnis und die Beschaffenheit der individuellen Rückzugsbereiche zu jenen der gemeinschaftlich geteilten Räume sowohl in der jeweiligen Beherbergungstypologie als auch in der Stadt. Dabei erweitern wir den Begriff des ‚Wohnens‘ im Sinne tätigen Seins und nehmen auch seine ausgelagerten Formen mit in den Blick: die öffentlichen und kommerziellen Räume der Gemeinschaft und der Zusammenkunft. Diesem Denkansatz folgend entsteht, ausgehend von der kleinsten Einheit und Maßstabsebene des Zimmers bis hin zu der der Stadt, ein Netzwerk, dass sich schon jetzt in Teilen Friedrichstadts als ein in die Fläche und auf mehrere Gebäude verteiltes horizontales Hotel begreifen lassen können.

„Wo treffen sich die Friedrichstädter*innen abseits der touristischen Knotenpunkte? Gibt es in Friedrichstadt einen Raum für das Zusammenkommen der Bewohner*innen? Einen Platz, an dem Menschen einander begegnen und an dem ein Austausch stattfinden kann?“2

  • Gemeinsames Arbeiten in der Synagoge in Friedrichstadt. Bohnenkamp, J./ UD. Summer School 2016. Friedrichstadt: Was machst du?

  • Gemeinsames Kochen und Essen in der Synagoge in Friedrichstadt. Bohnenkamp, J./ UD. Summer School 2016. Friedrichstadt: Was machst du?

Arbeiten vor Ort: interdisziplinär

In den drei jeweils einwöchigen Kompakt-Seminaren haben sich je 10-20 Master- und Bachelorstudierende verschiedener Disziplinen (Resource Efficiency in Architecture and Planning, Architektur, Stadtplanung, Kultur der Metropole, Bauingenieurwesen und Urban Design) der HafenCity Universität Hamburg in interdisziplinären und interkulturellen Teams auf die Suche nach den Fragen und Themen begeben die Friedrichstadt derzeit bewegen. Begleitet wurden die Schools von den Urban Design Lehrenden Prof. Bernd Kniess, Ben Pohl, Tabea Michaelis und Marieke Behne. Als Gäste waren Michael Schäfer, Tom Gräbe und Yannik Kaftan mit dabei. Im weiteren Verlauf der Forschung kam Dr. Anna Richter mit ins Team. In allen drei Schools war das Arbeiten vor Ort stets geprägt von der Gastfreundlichkeit der Gastfamilien, die die Studierenden in ihren Häusern beherbergten, den offenen Prozess und sichtbaren Gebrauch der ehemaligen Synagoge und des Paludanushaus der dänischen Gemeinde - als Orte der Arbeit, des Lebens, der Feste und des Austausches, um Situationen des Gespräches hervorzubringen und gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Mit forschender Neugier wurde hingesehen, zugehört und nachgehakt, Rat- und Vorschläge wurden zurückgestellt. Mittels videographischer Methoden der qualitativen Sozialforschung begaben sich die Teams beobachtend und fragend auf den Weg und setzten ihre forschenden Interventionen als Kommunikationsmittel ein. Am Ende der jeweiligen Forschungswochen wurden die erarbeiteten Einblicke freigelegt und bei einer Aufführung mit Bewohner*innen und Stellvertreter*innen der Verwaltung Friedrichstadts diskutiert. Die dabei präsentierten Filme können gemäß dem zeitlichen Rahmen ihrer Erstellung nur den Prozess einer möglichen Untersuchung beginnen. Sie eröffnen das Feld und ermöglichen mit der Sichtbarmachung und Offenlegung des fremden Blicks der Forscher*innen auch den Bewohner*innen Friedrichstadts neue Einblicke in Themen und Fragen, die Friedrichstadt bereithält und aufwirft. Auf der städtischen Ebene kreisen diese Themen und Fragen um „Orte der Begegnung“ und das „Gemeinschaftliche“ in der Stadt. Sie spüren den natürlichen Ressourcen nach, wenn sie fragen: „Und was macht der Wind?“ Sie widmen sich mit den „Fenstern“ dem Verhältnis der Gestaltung von Privatem und Öffentlichem und thematisieren seine Schnittstellen und Schwellenräume. Sie untersuchen das touristische Schauspiel vor historischer Kulisse. Sie fragen nach den Lieblingsorten der Friedrichstädter*innen, was diese auszeichnet und was man an ihnen besonders mag. Sie widmen sich den alten und jungen Menschen und fragen danach, wie diese – auf ganz unterschiedliche Art und Weise – ihre Stadt in Gebrauch nehmen und sie so alltäglich hervorbringen. Auf der Ebene des Hauses entstehen Themen, die danach fragen, wie die Kombination von Wohnen und Arbeiten in einem Gebäude organisiert ist, war beziehungsweise organisiert werden könnte, wie also die Zukunft Friedrichstadt aussehen könnte, wenn nicht alleine von Visionen und der damit verbundenen Anpassungsfähigkeit der Gebäude gesprochen wird. Ebenso werden wartende Räume, Investitionen und Maßnahmen thematisiert. In den Kurzfilmen werden unterschiedliche Lebensentwürfe und Raumprogramme sichtbar und gleichzeitig Fragen ihrer Ermöglichung angerissen. Es entsteht der Eindruck, dass Friedrichstädter*innen Expert*innen der Aneignung und des Selbstbaus sind, dass sie die Bestandsstruktur zu nutzen wissen, aber nicht immer die notwendigen Ressourcen haben, ihre Pläne und Vorhaben umzusetzen. Deutlich werden dabei ebenso die Abhängigkeiten vom Tourismus und demographische Tendenzen wie auch die Chancen, welche die von der Größe her dörfliche, von der Struktur her städtische Struktur bieten. Auf der Zimmerebene entstehen Fragen nach den unterschiedlichen Differenzierungen von privaten Rückzugsräumen und den Räumen des Zusammenkommens und der Gemeinschaft. Ausgehend von den verschiedenen Typologien der Beherbergung sind diese in einem Haus versammelt oder verteilen sich über die gesamte Stadt. Die Filme zeigen diese vielfältigen Übernachtungs- und Freizeitangebote und machen deutlich wie sich Friedrichstädter*innen mit den Themenfeldern des Tourismus und des zu Gast seins auseinandersetzen und diese umsetzen. Nach den Vorführungen der Kurzfilme während der öffentlichen Veranstaltungen kehren sich die Fragen um, sie entstehen bei den Friedrichstädterinnen und Friedrichstädtern selbst, wenn sie uns auffordern, gemeinsam mit ihnen die evozierten Themen zu besprechen und darüber nachzudenken: Wie kann es weiter gehen mit der Zukunftsstadt–Friedrichstadt?

„Gast sein“ bedeutet für mich, an einem Ort zu sein, an dem man nicht „zuhause“ ist. An einem Ort neu zu sein – oder jedenfalls weniger über diesen Ort zu wissen, als die dort Ansässigen.[...] Als Gast ist es wichtig, das Gefühl zu bekommen, dass man gerne aufgenommen wird und vielleicht sogar ein bisschen umsorgt wird“ 3

„Welche Relevanz haben Tourist*innen für Friedrichstadt und ihre Einwohner*innen? Wer sind die Tourist*innen? Was zieht sie nach Friedrichstadt?“4

  1. Netzband, M. Spring School 2018. Friedrichstadt: Wie beherbergst du?
  2. Bellmann, P; Khoont, M.; Seiler, L./UD. Autumn School 2017. Friedrichstadt: Wie wohnst du?
  3. Bär, M. Spring School 2018. Friedrichstadt: Wie beherbergst du?
  4. Kröger, L; Mizani, M. Summer School 2016. Friedrichstadt: Was machst du?