2 Ermöglichungsarchitektur für die lernende Stadt

Feedbackrunde UdN Planungsprozess, 2009.
Quelle: Lehr- und Forschungsprogramm Urban Design.

Die UdN ist als »Ermöglichungsarchitektur« konzipiert. Das zentrale Anliegen einer solchen ist es, Situationen für räumliche Veränderungsprozesse zu schaffen, in denen die Akteure ihre Lernprozesse in neue Aktivitäten umsetzen können. Unter Ermöglichungsarchitektur verstehen wir eine Architektur, die sich weniger auf das Objekt fixiert, denn auf performativ-organisationale Prozesse bezieht. Dabei entstehen sowohl Gestalt als auch Bedeutung als Ergebnis eines sozialen Prozesses. Dieser Prozess kann und soll angeregt, kann aber in seinem Verlauf und Ergebnis nicht vorherbestimmt werden. Selbststeuerung und Selbstbestimmung folgen situationsspezifischen Merkmalen. Für ein derart architektonisches Handeln sind keine formalen Gesetz- mäßigkeiten an sich anzunehmen, sondern eher ein gewisses, sich im Prozess erweiterndes Repertoire von Handlungsmöglichkeiten und Erfahrungen innerhalb spezifischer Regelwerke. 1
  • Feedbackrunde zum UdN Planungsprozess, 2009.
    Quelle: Lehr- und Forschungsprogramm Urban Design.

  • Feedbackrunde zum UdN Planungsprozess, 2009.
    Quelle: Lehr- und Forschungsprogramm Urban Design.

  • Begehung des Gebäudes mit Nachbarn, 2009.
    Quelle: Lehr- und Forschungsprogramm Urban Design.

  • Begehung des Gebäudes mit Nachbarn, 2009.
    Quelle: Lehr- und Forschungsprogramm Urban Design.

Universität und Nachbarschaft

Möglichkeiten von Wissensvermittlung und -produktion werden so aus dem universitären Lehrbetrieb von Seminaren und Vorlesungen in eine konkrete urbane Situation erweitert. ›Universität‹ verweist in diesem Zusammenhang auf Fragen, was Wissen überhaupt sein könnte, wie es in die Welt kommt, wer welches Wissen möchte und wie er es erlangen kann. Der Begriff der Nachbarschaft bedeutet lokale Einbindung, soziale Beziehungen, Gastfreundschaft und auch: Offenheit und Verantwortung für eine gegebene Situation – konkret und nicht abstrakt. In diesem fachlich übergreifend angelegten Projekt geht es nicht nur um die temporäre Herrichtung und Bespielung eines Gebäudes, sondern ebenso um seine programmatische Ausrichtung und dem aus dem Prozess heraus sich entwickelnden Zusammenspiel beider. In diesen Kontext sollen in den nächsten Jahren Studierende aller Fachrichtungen der HCU eingebunden werden. Neben der Auseinandersetzung mit den Leitthemen der IBA ist es unser Interesse, weitere Themen und Fragestellungen aus der spezifischen Situation des Stadtteils aufzugreifen und zu bearbeiten. Die UdN versucht auf diesem praktischem Weg den Anspruch der HCU auf neuartige Lehr- und Forschungskonzepte einzulösen. 2

Lernende Stadt und lernende Planung

Die UdN bringt sich in die Diskussion über Bildung und Ausbildung auf Stadtteilebene ein und versucht beizutragen zu dem, was man als »Lernende Stadt« bezeichnen könnte. In der Auseinandersetzung mit dem Lebensalltag im Stadtteil werden die strukturellen Merkmale von Raumproduktion sozialer, ökonomischer und kultureller Selbstorganisation untersucht. Derartige Selbstorganisation ist ein wichtiges Phänomen zukunftsfähiger Urbanität, in der Lernen als ein Prozess aktiver Aneignung raumgestaltender, sozioökono-
mischer und kultureller Kompetenzen interpretiert wird.
Die UdN ist in diesem Kontext eine vielseitige, lernende Einrichtung – sie ist sowohl Labor, Baustelle als auch Bühne, Interaktions-Lern-Raum und Ort des Aufenthalts und des Austauschs. 3

Mit der konkreten Aneignung des Gebäudes wird seine Programmierung unausweichlich. Was tun wir in diesem Haus, in diesem Stadtteil? Was kann unser Beitrag sein? In angewandten Forschungen zu Um- und Restnutzungen, verbinden wir Theorie mit Praxis. Die Studierenden haben damit die einmalige Chance, »wirkliche« Erfahrungen alltäglicher Praktiken in ihre Lernprozesse mit aufzunehmen: in Bauprozessen, in denen wir den Baukörper fortlaufend an unsere Anforderungen anpassen, in den angewandten Forschungen zum Thema von Um- und Restnutzungen, des Low-Budget-Housings usw. Wie oben bereits bemerkt, ist es der Kern der Fragestellungen, mit einem Minimum das Maximum zu erzielen – denn die Mittel für dieses befristete Projekt sind äußerst begrenzt.

Transformation sozialer Räume

Wenn wir von Raum sprechen, gehen wir von einem erweiterten Begriff aus, der ästhetische, soziale und zeitliche Phänomene sowie Dimensionen und Aneignungsvorgänge einschließt. Diese Perspektive liegt in der Erkenntnis begründet, dass die Ermöglichung von Selbstbestimmungs- und Aneignungsprozessen in der Stadt situations-, orts- und akteursabhängig ist. Es wäre daher die Aufgabe der verschiedenen Fachdisziplinen, die Lesarten gegebener und relevanter Rahmenbedingungen als konstituierende Elemente der Situation offen zu legen. Ermöglichungsarchitektur versucht, neue räumliche Bezüge und sozioökonomische und kulturelle Chancen zu entdecken und auszuhandeln, um damit das Städtische als situatives Raum- und Beziehungsgefüge zu verstehen. Solche Transformationsprozesse können nicht von außen geplant, sondern müssen von innen heraus, durch Teilhabe entwickelt werden. 4

Raum und Performanz

Nach den Geographen Nigel Thrift und Ash Amin ist Performance-Kunst diejenige Disziplin, die urbane Potenziale bisher am besten aufzeigt und bespielt. Raum wird von ihnen als performativ Produziertes verstanden. Wenn wir also davon ausgehen, dass Raum relational ist, dass er aus Handlung entsteht, so müssen wir die Handlungsebene als zu Gestaltende in unser Projekt mit einschließen.

Einen Partner für die performative Ebene haben wir in der Kulturfabrik Kampnagel gefunden. 5 Seine unterschiedlichen Experten und Akteure arbeiten gemeinsam mit uns an Konzeptionen und Umsetzungen von performativen Verläufen und Formaten. Mit dieser Kooperation verbinden wir die Annahme, dass Kunst und Kultur wichtige Impulse für ein zeitgemäßes Berufsverständnis und -handeln geben können.
Performancegruppen oder Regisseure, die versuchen tradierte Formen des Theaters zu erweitern, die mit Laien und Experten arbeiten und Rahmungen für Auseinandersetzungen und Konfrontationen zu schaffen, in denen der Zuschauer an der Konstruktion von Realität teilhaben kann, können helfen, die Produktion von Raum und Stadt anschaulich zu machen. Und man kann mit ihnen erproben, wie Handlungen in urbanen Kontexten für Veränderungsprozesse aktiviert werden.

Bestände als Ressource

Auch die Forschung selbst suchen wir damit um den Aspekt der Performanz zu erweitern und in Richtung einer »Forschung im und am Handeln« zu entwickeln; eine Forschung, die auf Veränderungen abzielt und die kritische Begleitung und Reflexion dieser Veränderungsversuche einbezieht. Wichtig bleibt: Die Arbeit der UdN ist weder in einem politisch neutralen Raum angesiedelt noch ist sie l’art pour l’art. Der Kontext ist klar: Das Geld für große Zeichen der Stadt ist weg. Es fehlt ebenso in den Unternehmen wie in den Kommunen. Ein »weiter so« kann es deshalb in Architektur wie Planung nicht geben. Vielmehr rückt eine qualitative Betrachtung in den Blick, wie mit wenig Mitteln ein Vielfaches entstehen kann, wie vorhandene Ressourcen der Stadt genutzt und aktiviert, aber auch ermächtigt werden können. Wie diese Ermöglichung im Zusammenwirken vieler funktionieren könnte, das ist Kern des Forschens an der UdN.

Vom Experiment zum Prototyp?

Mit dieser offenen, umsetzungsorientierten und die Fragen der Neupositionierung von Studiengängen aufwerfenden Herangehensweise wird die UdN zu einem besonderen und experimentellen Lehr- und Forschungsprojekt, das disziplinäre Zuständigkeiten und Qualifikationen neu zu bestimmen sucht. Ausdruck für diesen, die disziplinären Grenzen überschreitenden, Arbeitsansatz ist die Tatsache, dass hier Wissen und Prozesse initiiert und reflektiert werden, die gleichermaßen für die Wissenschafts-, die Stadtentwicklungs-, die Kultur- und vermutlich auch die Schulbehörde interessant sein könnten. Idealerweise könnte die UdN in den nächsten Jahren konzertierte Aktionen verschiedener Politikfelder auslösen oder zumindest davon unterstützt werden. Die Förderung der UdN durch IBA, HCU sowie durch Studiengelder der HCU ist ein erster Schritt dazu.

  1. Das Phänomen der Verstädterung manifestiert seine Universalität. Schon diese Tatsache würde die Gründung einer Universität rechtfertigen, die sich ausschließlich mit dessen analytischer Untersuchung befasst. > Henri Lefèbvre, Die Revolution der Städte, 1977.
  2. Die HafenCity Universität Hamburg wurde 2006 aus vier Fachbereichen verschiedener Hamburger Hochschulen als thematische Universität für Baukunst und Metropolenentwicklung gegründet. Mit ihren vier Studiengängen und Forschungsfeldern Architektur, Bauingenieurwesen, Geomatik und Stadtplanung möchte sie einschlägige Beiträge für eine zukunftsfähige Entwicklung und Ausgestaltung der gebauten Umwelt und städtischer Lebenswelten leisten. > hcu-hamburg.de
  3. Mitten in der Metropole Hamburg gibt es einen einzigartigen Schauplatz der Kreativität, der Chancen, Gegensätze und Spannungen. Einen Schauplatz, der gesellschaftliche Grundfragen des Zusammenlebens und des Umgangs mit natürlichen Ressourcen wie in einem Brennglas bündelt: die Elbinseln. Hier entwickelt die Internationale Bauausstellung Hamburg von 2007-2013 im Auftrag der Freien und Hansestadt Hamburg Antworten für die Zukunft der Metropole. > iba-hamburg.de
  4. Kern der Fragestellung der UdN ist es, mit einem Minimum das Maximum zu erzielen – denn die Mittel für ein befristetes Projekt könnten begrenzter nicht sein.
  5. Kampnagel ist Deutschlands größte freie Spiel- und Produktionsstätte und zählt zu den international bedeutendsten Bühnen für darstellende Künste. Die Programmgestaltung zeigt ein breites Spektrum an ästhetischen Positionen und wegweisenden Tendenzen in Theater, Tanz und Performance, wie auch Musik, Bildende Kunst und Architektur. > kampnagel.de