Eine Universität auf dem Sprung

Autorin:
Regina Bittner
Stiftung Bauhaus Dessau & Beirat UdN

In Wilhelmsburg, nur zwei Stationen vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt, findet man wenig von dem, was die Boomstadt Hamburg heute auszeichnet: Weder schicke Cafés noch edle Boutiquen oder Luxusrestaurants, an dessen Stelle Ein-Euro-Läden, Kioske und Billigmärkte und an jeder Straßenecke eine Sozialberatungsstation. Die IBA Hamburg will mit dem Sprung über die Elbe Wilhelmsburg an das Wachstum der Hafenmetropole anschließen, auch mit spektakulären Bauprojekten. Zumindest das Bauschild der Universität der Nachbarschaften am Rotenhäuser Damm folgt dieser Logik, auch wenn innen alles ein wenig anders ist. Die Universität der Nachbarschaften ist eine Zwischennutzung und insofern auch ein inzwischen eingeführtes Instrument der Stadtentwicklung der letzten Dekaden. Sie steht für einen anderen Zugang zur Stadt, einem „temporären Urbanismus“ (Robert Temel) der eine veränderte Einstellung auf den Nahbereich des Städtischen, seine Komplexität und Vielfalt zum Hintergrund hat.

Im Diskurs um eine neue Planungskultur ist schon seit einiger Zeit von einem Paradigmenwechsel die Rede: Von der Dominanz des zu ordnenden Raumes der PlanerInnen und ArchitektInnen hin zum Lebensraum der BewohnerInnen. Was ins Blickfeld gerät ist eine Raumproduktion zweiter Ordnung. Raum in diesem Zusammenhang meint nicht mehr den zu organisierenden und zu strukturierenden Raum der PlanerInnen und ArchitektInnen, sondern Raum, wie er alltäglich hergestellt und von seinen BewohnerInnen interpretiert wird.1
Alltag und Praxis sind die Stichworte, die in Referenz auf die von Henri Lefebvre herausgestellte Potentialität des urbanen Alltags, die Gartenparadiese, Kioske, Küchen und Camps informiert haben, mit denen sich ArchitektInnen, KünstlerInnen und Urban DesignerInnen in den Stadtraum zeitweilig einschreiben. In ihrer radikalen Form verstehen sich viele dieser Projekte als Rebellion – wiederum in Anlehnung an die theoretischen und gestalterisch praktischen Positionen der 1968er Bewegungen – gegen die Produktions- und Verwertungsbedingungen ihrer Disziplinen auf der Suche nach einer Repolitisierung der Architektur und des Urban Design. Zugleich wurde Kritik an diesen temporären Projekten vor allem dahingehend formuliert, als dass diese einer urbanen Kulturwirtschaft im Zeichen unternehmerischer Stadtentwicklung zuarbeiten. Dass diese Ideologiekritik nicht hinreicht um die Reichweite solcher Projekte zu erfassen, ist inzwischen vielfach diskutiert worden: Kennzeichen vieler Projekte ist es schließlich, dass sie nicht 1:1 in zweckrationalem Handeln aufgehen, dass sie mit einem Überschuss an nicht besetzten Energien arbeiten.2 Mehr noch: Temporäre Räume sind in ihrer Anlage selbst – als Prozess einer Gestaltung in unterschiedlichen Akteurskonstellationen und für hybride Nutzungen – eine Reaktion auf die demokratischen Defizite der neoliberalen Stadt.

Hier ist die Universität der Nachbarschaften situiert: Ein Ort des Forschens und Arbeitens, Lernens und Produzierens, Begegnens und Intervenierens, des Pragmatismus und der Rebellion. Warum aber ist das eine Universität? Weil die HafenCity Universität, deren Gegenstand explizit die Stadt ist, die Initiatorin dieses Unternehmens ist? Die Namensgebung ist nicht nur eine Referenz auf die akademischen Akteure, sondern ist Programm und dies in mehrfacher Hinsicht:

Univercities
So hat die Bewegung aus der Universität in den konkreten Stadtraum die Überzeugung zum Hintergrund, dass sich generell die Position der Universität in der Stadt verändert hat. In der Nachkriegsära gehörten internationale Universitätscampus zu den bevorzugten Bautypologien der Moderne. In vielen Teilen der Welt wurden Universitäten und Schulen zu umkämpften Orten der Teilhabe an den Bildungs- und Wissensressourcen der Städte. Neugründungen von Universitätscampus waren nicht nur Ausdruck des Bildungshungers und Erneuerungsgeists, sondern stellten auch den Versuch dar, die Institution Universität als „komplexe Schulen der Gesellschaft“ neu zu erfinden. Zugleich handelte es sich dabei um eine in gewisser Hinsicht antiurbane Typologie: Der außerhalb der Stadt auf der grünen Wiese errichtete Campus sollte Wissen und Bildung in konzentrierter Form, in quasi klösterlicher Abgeschiedenheit und ungestört von den Ablenkungen der Großstadt, ermöglichen.3 Heute sind es jedoch gerade die Städte, in denen die globale Wissensgesellschaft ihren bevorzugten Ort findet. „Wissensstadt“ ist einer der Schlüsselbegriffe heutiger Stadtentwicklung, Wissen gilt als eine der zentralen Ressourcen zeitgenössischer urbaner Ökonomien. In ihrer räumlichen Konzentration und Verdichtung von Wissen, Ideen und Informationen bieten sie den idealen Nährboden für Innovation und Kreativität. Auch wenn im Zuge der Repositionierung der Städte in einem globalen urban age Universitäten, Kultur-, Bildungs- und Forschungseinrichtungen eine herausragende Rolle spielen, mit der Ansiedlung einer solchen Institution ist jedoch noch längst nicht ein erfolgreicher Strukturwandel zur Wissensstadt garantiert. In der Debatte um die „sticky knowledge places“ wird auf die besonderen Kopplungen zwischen Raum und Wissen verwiesen.4 Der Stadtforscher Ulf Matthiesen hat den Begriff der sogenannten knowledge scapes eingeführt, um die vielfältigen ortspezifischen Verflechtungen zwischen neuen Wissenskonstellationen und wissensinstitutionellen Vernetzungen zu beschreiben: Dazu gehören formelle Institutionen des Lernens, Lehrens und Forschens wie Schulen, Universitäten Forschungsinstitutionen, Expertennetzwerke, Formen der lokalen Governance, lokal situierte Kompetenzformen und informelle Wissensmilieus, als – wie es Matthiesen nennt – Saatbeete für Kreativität.5 Was mit diesem Forschungsansatz in den Blick gerät, ist das konkrete und ortspezifische Zusammenspiel und Zusammenwirken von ganz unterschiedlichen institutionalisierten und nicht-institutionalisierten Wissensformen – das letztlich dafür verantwortlich ist, wie weit eine Stadt ein „sticky knowledge place“ sein kann. So ist die Universität der Nachbarschaften an diesem integralen Zusammenhang zwischen Wissen und Stadt interessiert – sie nimmt nicht nur die Stadt als Wissenssubjekt ernst, sondern versteht sich selbst als Akteur innerhalb spezifischen urbanen Wissensmilieus.

Antihegemonialer Urbanismus
In unmittelbaren Zusammenhang mit dem Neudenken des Verhältnisses zwischen Universität und Stadt steht auch die Repositionierung der Ausbildung von ArchitektInnen und Urban DesignerInnen. Wieweit können die universitären Ausbildungsgänge mit den Dynamiken gegenwärtiger Stadtentwicklung mithalten bzw. selbst zum Akteur derselben werden? Diese Fragen treibt die Universität der Nachbarschaften um: In der konkreten Auseinandersetzung der Lehrenden und Studierenden vor Ort geht es um die Reformulierung der disziplinären Positionen zu und in der Stadt, was auch und vor allem Fragen einer kritischen Architektur-und Designpraxis einschließt, die weniger an der Gestaltung von Objekten als in der Intervention in Prozesse ihre Rolle sucht. Zwei Aspekte sind es, die einen paradigmatischen Shift in der gestalterischen Ausbildung erfordern: Zum einen war das bisherige Selbstverständnis der PlanerInnen und ArchitektInnen vor allem an Problemlösung ausgerichtet. Heute haben sie eine vielschichtige Praxis entwickelt, das Handlungsfeld hat sich enorm erweitert. Sie verstehen sich dabei inzwischen eher als „Kuratierende“, als MittlerInnen, die unterschiedliche Wissenssorten auffinden, zusammentragen, re-kombinieren, in einen anderen Kontext stellen und auf diese Weise zu neuen Lesarten und Perspektiven in der Stadt kommen. Das Selbstverständnis eines sozialen Engagements von ArchitektInnen und GestalterInnen unterscheidet sich insofern radikal von seinen modernen Vorgängern, das Konzepte von Autorenschaft, Expertentum, Manifest und Masterplan zum Hintergrund hatte. Dabei geht es weniger um Problemlösung als um Problemidentifizierung, also darum, überhaupt erst herauszufinden, worin die eigentlich gestalterische Aufgabenstellung besteht.

Die Research-Orientierung vieler aktueller Architektur- und Urbanismusprogramme folgt diesem Trend. Die entwickelten Ansätze verstehen sich nicht als Lösungsvorschläge im Sinne eines Masterplanes, sondern entwerfen Design als kollektiven Handlungsmodus, an dem viele Akteure mit unterschiedlichen Expertisen und Wissensorten beteiligt sind. Damit werden auch bestehende Wissenshierarchien, in die Architektur und Design eingeordnet sind, kritisch hinterfragt. Zum zweiten haben Architektur und Design, im Gegensatz zu künstlerischer Praxis, in deren Selbstverständnis die kritische Reflektion der eigenen Bedingungen der Produktion, Repräsentation und Verwertung essentieller Bestandteil ist, ihre Produktions- und Distributionsbedingungen bisher kaum hinterfragt. So stellen Auseinandersetzungen mit Darstellungstechniken, wie dem hegemonialen Wissen des Plans bzw. der Karte bzw. der architektonischen Visualisierungen, nicht unbedingt eine konstitutive Voraussetzung einer urbanen Gestaltungspraxis dar. Das schließt auch Fragen der institutionellen Rahmungen ein: Erst in jüngster Zeit beginnen ArchitektInnen und GestalterInnen eigene Institutionen und Formen der Kommunikation zu generieren bzw. bestehende institutionelle Praktiken zu reflektieren – z.B. „Before the brief“, wo der Wettbewerb als institutionalisierter Mechanismus der Architekturproduktion hinterfragt wird.

Eine kritische Design- und Architekturpraxis, die sich als „antihegemonialer und pluraler Urbanismus“6 entwirft, setzt hier an: Ein besonderer Handlungstyp, dessen innovatives Potenzial in alternativen Darstellungen und kooperativen Projekten in den komplexen Mechanismen, Zusammenhängen, Kräftekonstellationen zusammenwirken, liegt. Was sich dabei ereignet ist eine oft ungeplante Komplexität von Wissensorten, Akteuren, Beziehungen und Räumen.

Die Universität der Nachbarschaften bildet dieses komplexe Feld: Hier haben Lehrende, Studierende, BewohnerInnen und lokale Akteure gemeinsam Formate einer urbanen Praxis und Formen der Kooperation entwickelt, die auch ohne die Institution der HafenCity Universität in Wilhelmsburg weiter Schule machen wird. Denn die HafenCity Universität ist auf dem Sprung: Der Neubau in einem der größten und spektakulärsten urbanen Regenerationsprojekte der letzten Jahrzehnte in Deutschland steht kurz vor dem Abschluss. Wie weit die Universität der Nachbarschaften nur ein Trainingsplatz für eine Universität in der gentrifizierten HafenCity war oder zu einem strukturellen Neudenken einer Univercity einen Beitrag leisten kann, das wird die Zeit nach dem Umzug in die neue Nachbarschaft zeigen.

  1. Nikolaus Kuhnert, Anh-Linh Ngo Gouvernmentalisierung der Planung in: Philipp Oswalt (Hg.) Shrinking Cities Bd.2 Handlungskonzepte, Ostfildern-Ruit 2005, S.23
  2. Robert Temel, Das Temporäre der Stadt in: Florian Haydn, Robert Temel (Hg.) Temporäre Räume Konzepte zur Stadtnutzung, Basel 2006, S.61
  3. Stefan Muthesius: The Postwar University Utopianist Campus and College. New Haven 2000, p.10
  4. Ann Markusen: Sticky Places in Slipery Spaces. A Typology of Industrial Districts Economic Geography, Volume 72, Issue 3 July 1996, p 293-313
  5. Ulf Matthiesen: Eigenlogiken städtischer Wissenslandschaften In: Helmut Berking/Martina Löw (Hrsg.) Die Eigenlogik der Städte. Neue Wege für die Stadtforschung. Frankfurt am Main 2008, S.121
  6. Jesko Fezer/Mathias Heyden, Antihegemonialer Urbanismus. Das Versprechen des Situativen. In: ARCH + 183, 2007, S.92-95