Kiaathane & Kahvehane

Autoren:
Lasse Friedel, Melanie Giza, Felix Müller
Im Rahmen des Seminar Urban Territories 2, betreut durch Katja Heinecke & Katrin Klitzke
Sommer 2012

Wilhelmsburg im Frühsommer. Die Menschen nutzen das gute Wetter an diesem Samstagnachmittag, um sich die Zeit in einem der vielen Straßencafés rund um den Stübenplatz zu vertreiben. Ein paar Häuser weiter sitzen einige Männer auf Plastikstühlen vor einem mit Milchglas geschützten Etablissement. Sie lesen Zeitung, rauchen Zigaretten, trinken Tee oder unterhalten sich lautstark. Die Tür steht offen, von innen dringen die Geräusche eines Fernsehers mit ausländischem Programm auf die Straße. Hin und wieder verschwindet einer der Männer in den Räumlichkeiten, um mit einer neuen Runde Tee zurückzukehren. Verabschiedet sich einer der Männer, kommt kurze Zeit später ein neuer Gast in die Runde, besonders nachmittags und nach Feierabend. Auf Passanten wirkt die Einrichtung jedoch weniger einladend, schließlich weisen Schilder auf eine Mitgliedschaft hin, um hier einkehren zu können. Auch ein flüchtiger Blick in das Innere erlaubt nur wenige Rückschlüsse auf den Zweck und die Zielgruppe dieses Etablissements. Außenstehende wahren Distanz und auch die Männer bleiben unter sich. Dieses Bild wiederholt sich: Es gibt viele solcher Lokale in Wilhelmsburg und vereinzelt auch in anderen Stadtteilen Hamburgs. Sie werden gemeinhin als »Kiraathane« oder »Kahvehane« bezeichnet und gleichen einander alle in Stil, Ausstattung und Publikum und sind fast ausschließlich über Vereinsstrukturen organisiert. Obgleich ähnlicher Bedeutung, weisen beide Begrifflichkeiten allerdings nicht übergehbare Unterschiede auf, werden aber im Wilhelmsburger Kontext gleichermaßen verwendet.

Historisch gesehen ist das »Kiraathane« primär als Lesehaus zu verstehen, wohingegen das »Kahvehane« als klassisches türkisches Tee- oder Kaffeehaus funktioniert. Im Untersuchungsgebiet erfüllen und vereinen die diskutierten Kulturvereine beide Eigenschaften. Sie sind Fixpunkte des geselligen Lebens, in denen viele der männlichen Bewohner täglich mehrere Stunden ihrer Freizeit verbringen. Abgesehen von dem Besuch einer Moschee sind sie daher die am häufigsten frequentierten Räume, wenn es um außerfamiliäre Aktivitäten geht und dienen somit der Informationsaufnahme, -teilung und -weiterleitung. Diese Anhaltspunkte lassen darauf schließen, dass diese Einrichtungen soziokulturell codiert sind und lediglich eine bestimmte Gruppe bedienen. Für alle anderen gestalten sich die Treffpunkte mehr oder weniger durchschaubar, ihr Grad an Offen- oder Verschlossenheit variiert in Abhängigkeit vom Betrachter und dessen ökonomischen, politischen, sozialen, kulturellen, demografischen oder geschlechtsspezifischen Hintergründen. Darüber hinaus werden das Ineinanderfließen der Eigenschaften von privaten und öffentlichen Räumen und Nutzungen sowie die Ausbildung einer halböffentlichen Sphäre in diesem Modell besonders deutlich. Privatrechtlich liegen die Geschäfte zwar bei einem Träger, der Regeln festlegt, nichtsdestotrotz wirken die Tätigkeiten hinein in den öffentlichen Raum und prägen das Straßenbild bzw. die Stadtlandschaft Wilhelmsburgs.

Ein weiterer markanter Punkt ist die überall platzierte Unterhaltungselektronik. Diese gliedert sich in Spielautomaten mit einem Mindesteinsatz von 5 Eurocent, Sportwettautomaten von Anbietern wie »Oddsett-Lotto«, sowie eine Anzahl an Flachbildfernsehern, um Sportveranstaltungen in Echtzeit beiwohnen zu können. Ein Fernseher mit lokalen Nachrichten oder landestypischen Fernsehsendungen schafft Atmosphäre und läuft auf Zimmerlautstärke. Darüber hinaus sind Brettspiele wie Okey, in Deutschland auch bekannt als Rummikub, beliebte Freizeitaktivitäten. Die Beleuchtung der Lokalitäten wird oft durch grelle Leuchtstoffröhren gewährleistet. Die Einrichtung stammt nicht nur größtenteils aus dem Heimatland der Nutzenden, sondern dient auch zur Bewahrung orientalischen Kulturgutes wie am Beispiel der Teekultur deutlich wird. Durch diese Wiederholung bereits vertrauter Materialitäten und Muster bleibt eine gewisse Authentizität der „Kahvehane“ und „Kiraathanes“ erhalten, auch wenn diese als heimatliche Versatzstücke in einen neuen kulturellen Kontext implementiert werden und sich mit den neuen Bedingungen arrangieren müssen.

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