UdN – eine Korrelationsmaschine zur Herstellung von Zukunft

Autor:
Christopher Dell

Es gehört zur eigentümlichen Grundbedingung der Moderne, dass sie ihre eigene Unterminierung bereits in und mit sich trägt. So erodieren zu Beginn des 20. Jahrhunderts beispielsweise die positiven Wissenschaften ebenso die Metaphysik. Es ist Edmund Husserl, der diese Krise zuvorderst artikuliert und sie in ein neues Programm zu wenden sucht. Für seine Zeitgenossen überraschend, schreibt Husserl 1913: „Die ‚Logischen Untersuchungen‘ waren für mich ein Werk des Durchbruchs, und somit nicht ein Ende, sondern ein Anfang.“1
Dieser Anfang markiert nicht nur den erkenntnistheoretischen Wechsel vom Postulat eines Gegebenen hin zur Untersuchung von Gegebenheitsweisen sondern zieht darüber hinaus in Zweifel, dass der Ort der Wahrheit noch in einer von Geschichte unabhängigen Repräsentation liegen könne. Husserl widerlegt mit seinen Untersuchungen nicht nur die Empiriker, die den Rückgang auf die Sachen mit der Erfahrung von Naturtatsachen selbst verwechselten, seine Untersuchungen begründen nicht nur die Phänomenologie als eigentlich philosophische Aufgabe gegenüber einer Technizität der Logik („Formelkrams“ – O-Ton Husserl). Im Sinne einer angewandten Relationalität verweisen die Logischen Untersuchungen auch und gerade darauf, dass in den Verknüpfungsleistungen dessen, was an relationalem Potenzial in Situationen gegeben ist, die Frage nach der Gegebenheit von Möglichkeiten ebenso begriffen liegt, wie nach dem Verstehen von Objektivität selbst.

Das heißt, das Ziel objektiver Wahrheit ist nicht aufzugeben, aber anders anzugehen. Die neuzeitliche Philosophie setzte einen Begriff von Wahrheit als gegeben voraus und lagerte ihn in die adaequatio von Subjekt und Objekt ein. In Absetzbewegung hierzu nimmt Husserl eine Verschiebung von der Dichotomie bzw. Übereinstimmung von Subjekt/Objekt hin zu deren Verhältnis gemäß ihrer korrelativen Gegebenheitsweise als phänomenologische Zwischendimension vor. Weil es jetzt um das „Wie der Vorgegebenheit von Welt“2 gehen muss, kann wissenschaftliche Wahrheit fortan nicht mehr in unmittelbar evidenter Gegenwart erkannt werden. Sie rekurriert vielmehr auf die Schaffung jener besonderen Rahmenbedingungen, die das Erkennen von Wahrheit nicht nur ermöglichen, sondern selbst als Horizont der Produziertheit von Wissen in den Blick der Reflexion rücken. In Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie3 spricht Husserl daher von der Dringlichkeit eines intuitiven Wahrheitsbegriffs, der auf einer neuen „Interessenrichtung“4 beruhe, einer „habituellen Einstellung, zu der wir uns ein für allemal entschließen“5 und in der sich das Ich in einer reinen Schau als „uninteressierter Zuschauer“6 etabliere. Bereits hier wird die für das 20. Jahrhundert bestimmende Problematik, wie aus Kontingenz allgemeingültige Bestimmtheit gewonnen werden soll, virulent.

Solche Erkenntnis gilt Hans-Jörg Rheinbergers Konzeption der Experimentalsysteme als leitend. Die mit materiellen Assemblagen operierenden Experimentalsysteme und den aus ihnen destillierten Experimentalkulturen agieren mit dem Tatbestand, dass Wissen nicht vorliegt, sondern, in Form von „epistemischen Dingen“ – als „Objekte der experimentellen Interpretation“7 – erst produziert werden muss. Experimentalsysteme sind zuvorderst Versuchsanordnungen, „Orientierungspunkte“ und „Vorrichtung zur Materialisierung von Fragen.“8 Das Neue an ihnen ist ein Denken, das sich mit Handeln mischt, das sich Konstruktionen überlegt, wie Unbestimmtheit anerkannt und konstruktiv gemacht werden kann, als „eine durch instrumentelle Randbedingungen ausgerichtete Bewegung, in der das Räsonnieren gewissermaßen ins Spiel der materiellen Entitäten gerissen wird.“9 Daraus resultiert die Forderung, dass Experimentalsysteme dergestalt organisiert sein müssen, dass „die Erzeugung von Differenzen zur reproduktiven Triebkraft der ganzen Experimentalmaschinerie wird.“10 Experimentalsysteme zeigen einen performativen Repräsentationsraum an, eine Art Bühne des Experiments, auf der epistemische Dinge auftreten können – sie sind Maschinen „zur Herstellung von Zukunft.“11
Derzeit gilt Stadt als Labor zukünftigen Zusammenlebens. Doch kann hier nicht von einem Labor gesprochen werden, dem man von einer irgendwie gearteten Exteriorität (sei es top-down oder bottom-up) beikäme. Ziel ist vielmehr eine Perspektive ins Innere der Strukturen urbaner Erfahrung zu schaffen, von der aus sich handeln lässt. Solche Herangehensweise berührt darüber hinaus, dass mit der zunehmenden Rede von und über Stadt Uneinigkeit darüber besteht, was mit dem Begriff überhaupt noch gemeint sei. Das durch die Universität der Nachbarschaften (UdN) im Konnex von Architektur und Städtebau vorgenommene übersetzende Spiel mit und Pluralisierung von der Rheinbergerschen Laborperspektive versteht sich gewissermaßen als Reaktion auf die Repräsentations- und Sprachkrise, in der sich die Disziplinen derzeit befinden. Der darin enthaltene Vorschlag ist einfach: er besteht in dem shift vom Problemlösen hin zum Fragen. Das Verfahren der UdN, ihre manière de faire soll eine experimentelle Form kreieren, die es ermöglicht, überhaupt jene Fragen zu formulieren, die wir für und in Zukunft, im Hinblick auf Stadt als Lebenswelt, mithin als gelebtem, nicht externalisierbaren Raum stellen oder beantworten möchten. Genau aus solcher Perspektive erwächst die Legitimität des shifts von Stadt als Objekt hin zu Stadt als performativ Produziertem und, in dem Zuge, vom Design zum Redesign.

Als ein gestaltetes Set, das Fragen materialisieren kann, emergiert die UdN spezifische Weise der Stadtforschung, die als Bedingung der Möglichkeit von vormals unverfügbarem Wissen über Stadt praktisch sich konstituiert und Wissen produziert „das wir noch nicht haben."12 Weil Experimentalsystem in keinster Weise als ein ‚stehender Begriff’ für die Stadtforschung gelten kann, entwickelt die UdN die Methode ihres Verfahrens erst aus der disziplinären Transposition heraus. Konkret: sie zeigt mit der Folie des Experimentalsystems Momente der Geschichte einer absorbierenden wie absorbierten Stadt auf.

Epistemische Dinge, als die Dinge „denen die Anstrengung des Wissens gilt,“13 stellen keine Objekte im engeren Sinn dar sondern erweisen vielmehr als performativ-operative Elemente. Als solche sind sie hybrid: „noch Objekt und schon Zeichen, noch Zeichen und schon Objekt.“14 Wie aber kann man performativ konstituierten Dingen auf den Grund gehen, sie handhabbar machen bzw. ihnen allgemeine Gültigkeit zusprechen? Rheinberger sagt, dass epistemische Dinge in ihrer Materialität bereits so ‚orhanden’ sind, dass sie als Spuren befragt und in sequentielle Serien überführt werden können. Diese Serien bilden spezifische epistemische Repräsentationsräume, die wiederum an die Form des Experimentalsystems und der Konstitution einer bestimmten „Form der Iteration“15 geknüpft sind. Als iterativ-rekursive Bewegung produziert das Gefüge der Spuren den Raum der Repräsentation. Das wirft indes neue Fragen auf: Wie werden derlei Spuren notiert? Wie sähe ein Repräsentationsraum aus, der auf 1:1 Repräsentationen verzichtet und dennoch auf irgendeine Weise ‚zeigt’ um so medial vermitteln zu können? Die UdN reagiert auf solches Fragen praktisch mit xn Batterien und Serien an Fallbeispielen, Tiefenbohrungen (auch takes genannt, nach der musikalischen Technik, Stücke zu wiederholen, Themen zu umspielen16 ) untersucht die UdN die Nutzung von oder Interaktion mit dem „Ding Stadt“ als performativer Prozess. So schafft sie anhand der Rekombinationen und des Hinundherschiebens der Serien innerhalb von Experimentalsystemen Konjunkturen, die es ermöglichen „aus alten Geschichten neue hervorzubringen17

Solche Perspektive unterminiert das idealisierte Bild, welches wissenschaftliche Experimente noch als Bestätigung oder Widerlegung klar definierter Hypothesen bestimmt. Die UdN zeigt außerdem, dass der Forschungsprozess selbst vor allem aus Kontingenzen, Unbestimmtheiten und Unordnung besteht, mit denen es konstruktiv zu verfahren bzw. umzugehen gilt. Man wagt nicht zu viel, wenn man hier von einer neuen Form des Organisierens von Stadtforschung spricht: als Improvisation, die – im Sinne von Foucaults Technologien des Selbst – technologisch geworden ist.18 Solches Verfahren intendiert weder Subjektivismus, Konstruktivismus, Relativismus noch methodologischen Individualismus, sondern sucht, die in solchen Konzepten enthaltenen Dualismen von agency und Struktur zu überwinden. Die UdN wendet sich vielmehr etwas zu, was man vielleicht Situativen Realismus nennen könnte und fragt: Was ist mit der Stadt los und wie bekommen wir Zugang zu ihrer Wahrheitsweise als performatem Prozess, dessen Teil wir selbst sind? Und welche Weisen der Ethik bzw. politischer Verantwortlichkeit sind darin eingelagert?

  1. Husserl, Edmund: Logische Untersuchungen. Prolegomena zur reinen Logik. Bd. 1, Halle 1928, S. VIII
  2. Husserl, Edmund: Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie, Hrsg. von Walter Riemel. Den Haag 1954
  3. Ebd., S. 149
  4. Ebd., S. 175
  5. Ebd., S. 153
  6. Ebd., S. 73
  7. Rheinberger, Hans-Jörg: Experiment–Differenz–Schrift. Marburg 1992, S.30
  8. Ebd., S.25
  9. Ebd., S.25
  10. Rheinberger, Hans-Jörg: Experimentalsysteme und epistemische Dinge. Frankfurt a.M. 2006, S. 9
  11. zit. nach Rheinberger: Experiment–Differenz–Schrift. S.25
  12. zit. nach Rheinberger: Experiment–Differenz–Schrift. S.25
  13. Rheinberger: Experimentalsysteme. Ebd., S. 24
  14. ebd., S. 25
  15. ebd., S. 130
  16. Die Bezugnahme auf Musik gilt hier nur hinsichtlich der Handlungsweise bzw. des Verfahrens und nicht in ontologischer Hinsicht. Vgl. zur Problematik in Husserls Übertragung der Charakteristik musikalischer Tonphanomene auf Evidenzakte: Tugendhat, Ernst: Der Wahrheitsbegriff bei Husserl und Heidegger. Berlin 1970, S. 209 f.
  17. Rheinberger: Experimentalsysteme. Ebd., S. 57
  18. Vgl. Dell, Christopher: Die improvisierende Organisation. Bielefeld 2011