Einleitung

Elisabeth Fiedler UD

Urban Design meets Kunstverein in Hamburg, Mobilisierung von Forschung und Doing Interkultur

Das Lehr- und Forschungsprogramm Urban Design setzte sich im Rahmen des Jahresthemas de-zentral. Facetten des Urbanen (2013/14) u.a. mit Mobilitäten und Mobilisierungen auseinander – nicht zuletzt, weil die HCU sich damals aufmachte, in das neue Gebäude in der namensgebenden HafenCity zu ziehen. Aufgrund des Durcheinanders, das jeder Umzug mit sich bringt, beschloss der Studiengang kurzer Hand, das Methodenseminar Urban Territories selbst zu mobilisieren. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort, der sowohl als Seminarraum als auch als Untersuchungsort gleichermaßen in Frage kam, kam Bettina Steinbrügge ins Spiel, die just ihren Posten als neue Direktorin im Kunstverein in Hamburg angetreten hatte – und selbst interessiert war, den institutionellen Raum über ein interdisziplinäres und interaktives Format sowohl neu kennenzulernen als auch kritisch zu überdenken. Daraus entstand die Idee, das vierstündige Methodenseminar Urban Territories in das Foyer des Kunstverein in Hamburg zu verlegen. Das Seminar wurde außerdem zweigeteilt; im Anschluss an das nun zweistündige Methodenseminar Urban Territories wurde ein Interkulturelles Praxis Seminar (IKP) angeboten, das zusammen von Bettina Steinbrügge und Anna Richter veranstaltet wurde. Die so geschaffene neue Struktur ermöglichte es, sowohl die Grundlagen der Methodenlehre (Urban Territories) als auch die gemeinsame Arbeit im Kunstverein (Territorium Kunstverein) in die Lehre mit ein zu beziehen und dem inter- und transdisziplinären und institutionenübergreifenden Unterfangen Rechnung zu tragen. Das IKP wurde auch für Studierende der Architektur geöffnet, woraufhin sich Volker Katthagen, Lehrender im Studiengang Architektur, mit dem Konzept für einen Intervention Workshop im Anschluss an das Seminar einbrachte. Der Begriff der Interkultur (Terkessidis 2010)1 geht auf ein Verständnis von Kultur als Verb zurück; Kultur kann nur in ihrer gelebten und praktizierten Form verstanden und greifbar werden. Interkultur thematisiert zum einen die Frage der Kultur als städtische Ressource, zum anderen die Betonung des Interagierens unterschiedlicher Vorstellungs- und Handlungsweisen sowie Deutungshorizonte. Damit löst der Begriff Interkultur programmatisch denjenigen der „Integration“ ab und postuliert, dass in der »Parapolis«, dem urbanen Nebeneinander und Gleichzeitigkeit von mobilen, unterschiedlichen und schnelllebigen Lebensentwürfen ohne gemeinsame Vergangenheit, Einwanderung und Migration weniger eine Art Störfall darstellen, sondern eine Politik einfordern, die kulturelle Barrierefreiheit für die Individuen einer Gesellschaft der Vielheit (Multitude) verfolgt. Es geht also mehr um das Zwischen als um die Einordnung in eine Kultur; mehr um die Aushandlung als um die Assimilation; weniger um die Unterordnung unter eine hegemoniale Kultur als um ein Nebeneinander sowie Hybride verschiedener Kulturen. In diesem Sinne ist Forschung immer bereits eine Intervention, ein Dazwischengehen, die Forschenden sind immer bereits Teil dessen, was erforscht wird und vermeintlich objektive Erkenntnis ist ebenso wenig möglich wie überhaupt erstrebenswert. Wenn die subjektive Erfahrung Teil des Erkennens ist, muss diese zumindest nachvollziehbar bleiben und als solche kommuniziert werden. In der Reflexion lässt sich die rein subjektive Ebene überschreiten, bleibt aber als Spur in Form des Motivs weiterhin erkennbar, z.B. in Form der Wahrnehmung während eines Dérives, als Beobachtung, als Fragestellung, als Interessement.

Das Methodenseminar Urban Territories wurde als Mobilisierung sowohl im physisch-räumlichen als auch im methodisch-gedanklichen Sinne verstanden als Aktivierung und Schaffung von Beweglichkeit hinsichtlich des Gegenstandes (das Städtische) sowie der Methodologie (Methodenlehre und -reflexion).
Das Seminar setzte sich im Kunstverein in Hamburg mit dessen repräsentativen und funktionalen Setting innerhalb und außerhalb der Institution bzw. seiner Einbindung in den städtischen Raum auseinander. Dazu wurden nicht nur die Vereinigung von natürlichen und/oder juristischen Personen zu einem bestimmten Zweck untersucht, sondern auch ihre gegenwärtige Bedeutung in den Beziehungsgefügen und Verbindungen ihrer Akteure zu benachbarten Einrichtungen, den Über-, Ein- und Zugängen, die sie umspülenden Verkehrsströme, die aus diesen Bewegungen sich ergebenden Rhythmen, Geschwindigkeiten und Flüssen. Zentral ging es um das Aufzeigen und Weiterentwickeln vorgefundener Qualitäten.

Das Seminar erprobte methodische und theoretische Perspektiven und Ansätze der qualitativen Sozialforschung in der praktischen Auseinandersetzung vor Ort. Dabei wurde eine Verfahrensweise gewählt, mittels derer es möglich ist, den Bezug zum Gegenstand in Forschung und Gestaltung selbst zum Aushandlungsgegenstand zu machen. Diese Verfahren bezeichnen wir als Take. Der Take ist eine spezifische didaktische Form im Curriculum des Lehr- und Forschungsprogramms Urban Design. Der Begriff geht auf Film und Musik zurück. So bedeutet Take im Jazz das Aufnehmen eines Stückes in verschiedenen Versionen mit verschiedenen Improvisationen. Übertragen auf Urban Design heißt das, rund um ein Motiv samt daraus sich ergebenden Fragestellung in einem zirkulär-iterativen Prozess mittels einer (inhaltlich) offenen, aber (formal) strukturierten Vorgehensweise zu arbeiten. Dabei erlaubt der Take, einen unbestimmten offenen Prozess konstruktiv zu halten, ohne ihn abzuschließen. So wird der Take zu einem transformativen Zustand des Arbeitens rund um ein und an einem Motiv bzw. Frage und ermöglicht über diese Wiederholungen sowohl Räume der Potentialitäten als Potentialitäten der Räume zu erschließen.

Über das Semester verteilt wurden ein Dérive und drei Takes erarbeitet, die sich mit den Gegebenheiten vor Ort, der Forschungssituation im Foyer und Formen der Interaktion und Teilhabe auseinandersetzten. Die Studierenden arbeiteten iterativ im und um den Kunstverein herum. Programmatisch wurde der Kunstverein als Ort, als Institution und als Akteur thematisiert. Die drei Takes stellten die programmatischen Fragen „Wo sind wir hier?“, „Was machen wir hier?“ und „Was wollen wir hier?“ und setzten jeweils thematisch einen Schwerpunkt auf „Zugänge, Übergänge, Eingänge“, „Forschungsstation im Ein- und Ausgangsbereich“ und „Interaktion und Teilhabe“.

Im Anschluss an das Seminar fand in der vorlesungsfreien Zeit ein an das Seminar anknüpfender Intervention Workshop mit Volker Katthagen statt, in dem die im Seminar entwickelten und erprobten Ideen zum Territorium Kunstverein gestalterisch über- und umgesetzt wurden.

  1. Terkessidis, Mark (2010): Interkultur. Berlin: Shurkamp